Als eine "Quelle des Glücks und der Gemütsruhe" bezeichnete der Philosoph Schopenhauer die Einsamkeit. Viele Künstler glauben an die schöpferische Kraft, die nur aus der Einsamkeit entsteht: zum Beispiel der Schriftsteller Thomas Mann oder der Pianist und Komponist Glenn Gould. Andere Menschen jedoch leiden unter Einsamkeit, fühlen sich isoliert und verlassen. Dabei lebt nicht jeder allein, der sich einsam fühlt - und nicht jeder der allein ist, fühlt sich einsam.

Der Weltumsegler Uwe Röttgering war im Jahr 2000 allein mit einem Segelboot unterwegs. 26 Monate lang, davon insgesamt 14 Monate ohne Kontakt zu anderen Menschen. Einsam hat er sich da nach eigener Aussage nie gefühlt. Heute lebt er in Berlin und arbeitet hauptberuflich in einer Immobilienfirma. In Berlin passiert es ihm häufiger, dass er sich einsam fühlt. Seine Erklärung klingt so einfach wie nachvollziehbar: Auf dem Boot war er in Bewegung, ständig gab es neue Dinge zu sehen, die ihn beschäftigten und inspirierten. In Berlin hasten hunderte Menschen um Uwe Röttgering herum, und er kennt keinen. Da fühlt er sich oft ganz plötzlich einsam.
Die Französin Madé Maylin lebte zehn Jahre lang in Paris. Sie arbeitete bei einer Finanzbehörde, heiratete, bekam drei Kinder. Aber trotz der vielen Aufgaben und Menschen fühlte sie sich einsam in der Großstadt. Die Kontakte der Menschen untereinander waren ihr zu oberflächlich. Immer stärker wurde das Gefühl, ein Rädchen in einem Getriebe zu sein, welches jemand anders steuert. Mit 30 Jahren verließ Madé Maylin Paris - um nicht mehr wiederzukehren. Sie trennte sich von ihrem Mann, nahm ihre drei Kinder und wurde Schäferin in einem einsamen Tal in den französischen Pyrenäen. Mit 60 Jahren lebt sie immer noch als Schäferin in genau dem Tal, in das sie vor 30 Jahren kam. Sechs Monate im Jahr ist sie in den Bergen auf einer Alm ganz alleine mit ihren 350 Schafen. Alleine, aber nicht einsam, betont Madé Maylin.
Jeder Mensch hat in seinem Leben immer wieder Zeiten und Phasen, in denen er allein ist. Alleinsein gehört zum Leben dazu, doch es wird ganz unterschiedlich empfunden und bewertet. Viele sind ungewollt allein, und diese Situation ist für sie mit einem unangenehmen Gefühl der Isolation, der Abgeschnittenheit von der Welt verbunden. Sie empfinden Alleinsein als negativ und belastend. Dieses negative Alleinseinsgefühl wird heute meistens als Einsamkeit bezeichnet. Einsamkeit ist also nicht das gleiche wie Alleinsein. Viele empfinden Einsamkeit - das Gefühl von anderen Menschen getrennt zu sein - auch wenn sie mit anderen zusammen leben. Auch mitten unter Menschen kann man sich einsam fühlen. Andere Menschen suchen das Alleinsein ganz bewusst und sind fasziniert, ja fast schon berauscht von den Erlebnissen, den Gedanken und der Kraft, die sie erfahren. Sie fühlen sich aber nicht isoliert und einsam, eben weil sie mit sich selbst etwas erleben. Deshalb betonen diese Menschen oft, dass sie allein, aber nicht einsam sind. Denn heute wird der Begriff Einsamkeit, ganz anders als früher, eher in einem negativen Zusammenhang benutzt.
Glück und Faszination der Einsamkeit ist ein Thema, welches sich durch die Jahrhunderte zieht und in fast allen Bereichen des Lebens zu finden ist. Noch vor 20, 30 Jahren war der Begriff Einsamkeit sehr positiv besetzt. Das Wort "einsam" verbreitete sich im späten Mittelalter in Deutschland und bedeutete zunächst "mit sich selbst identisch sein", "bei sich sein". Die großen Weltreligionen gehen auf religiöse Leitfiguren zurück, sei es Buddha, Jesus oder Mohammed, die in der Abgeschiedenheit Erkenntnis und Sammlung suchten. Bis vor drei Jahrzehnten noch stand der Begriff Einsamkeit als positive Bezeichnung für schöpferische Kraft, heroische Taten und Selbstfindung.
Heute gilt Einsamkeit als gesellschaftliches Problem. Noch nie wurde wissenschaftlich ein solcher Aufwand getrieben um das Phänomen Einsamkeit zu untersuchen. Eine Umfrage des Allensbacher Institutes aus dem Jahr 2003 zeigt, dass jeder dritte Deutsche Angst vor Einsamkeit hat. Und auch eine Ehe oder Beziehung bietet keinen Schutz: 16 Prozent der Frauen und neun Prozent der Männer fühlen sich trotz Partnerschaft einsam. Einsamkeit ist seit etwa zwei, drei Jahrzehnten negativ besetzt: Wer einsam ist, sich einsam fühlt, gilt als Verlierer. Werbung und Medien verkaufen uns, dass Glück ausschließlich in der Gemeinschaft stattfindet, sei es in der Familie, in Cliquen oder unter Arbeitskollegen. Und zunehmend beginnen sich Menschen, die allein sind, auch einsam zu fühlen. Die Folge: Ihr Selbstwertgefühl schwindet und ihr Problem, soziale Bindungen zu knüpfen und so ihre Einsamkeit zu überwinden, wird immer größer. Noch nie gab es so viele Ratgeberbücher, psychologische Zeitungsartikel und Homepages, die Einsamen bei der Bewältigung ihres Problems zu helfen versuchen.
Da immer mehr Menschen unter Einsamkeit leiden, spezialisieren sich auch immer mehr Psychologen auf dieses Thema, zum Beispiel die durch viele Publikationen bekannte Psychotherapeutin Doris Wolf. Sie erklärt, dass es vor allem darum gehe, sich selbst zu mögen und sich selbst ein ausgefülltes Leben zu geben. Denn nur wer mit sich selbst zufrieden ist und allein etwas mit sich anfangen kann, der ist auch ein attraktiver Gesprächs- und Beziehungspartner für andere Menschen. Doris Wolf kommt zu dem Schluss, dass viele einsame Menschen sich in einer Spirale befinden, weil sie glauben, nur mit einem Partner und Freunden habe das Leben Sinn. Dabei vergessen diese einsamen Menschen oft völlig, etwas für sich selbst zu tun und vernachlässigen sich immer mehr, bis hin zur Unfähigkeit, überhaupt noch etwas tun zu können. Je verzweifelter aber diese Menschen einen Partner oder Freunde suchen, desto weniger finden sie jemanden. Denn instinktiv spüren mögliche Freunde, dass sie nur gebraucht werden, um jemand anderem einen Lebenssinn zu geben. Das kann und will in der Regel niemand. Die meisten Psychologen bezeichnen Einsamkeit als ein Gefängnis, dessen Türe nur von innen geöffnet werden kann. Das heißt, unter Einsamkeit leidende Menschen müssen selbst aktiv werden und nicht darauf warten, dass sie jemand von außen von ihrer Einsamkeit befreit.
(Quelle: planet-wissen.de)