Auf der Suche nach dem Orientexpress Tagebuch einer abenteuerlichen Reise

Mit dem Orientexpress wollten wir von Istanbul nach Damaskus.

Wir – das sind zwei reiseerfahrene Frauen über 65, die gemeinsame Mexiko-Reise-Erfahrung im vergangenen Jahr gemacht hatten.

 

 

 

 

Von “Lernidee“ Erlebnis-reisen orderte ich das Prospekt

Sonderzugreise 1001 Nacht“

Auf der historischen Bagdad-Bahn von Istanbul nach Damaskus.

Zwischen 3000 und 3500 Euro war die Reise buchbar .

So viel wollten wir nicht ausgeben und überhaupt: Reiseabenteuer gehen nur im Alleingang ohne vorprogrammierte Organisation.

Was wir vorher gelesen hatten, war verwirrend. Gibt es ihn noch oder nicht? Ist es nun der Orientexpress oder die Bagdadbahn?

Inzwischen ist das geklärt, dank vielfältiger widersprüchlicher Literatur und Informationen, doch die Realität sieht dann – besonders im Orient – noch einmal anders aus.

So viel wissen wir jetzt im Nachhinein:

Der Orientexpress ging von Paris nach Istanbul und landete dort am Bahnhof Sirkesi auf der europäischen Seite.

Die Bagdadbahn läuft vom Bahnhof Haydarpasa aus und geht – nach Bagdad?

Inschalah!

Reiseführer warnen: Eisenbahnen in der Türkei solle man meiden, da warte kein Orientexpress, sondern Verfall und Unzuverlässigkeit.

Unter Wilhelm II wurde die Bahn gebaut aus imperialem Interesse. Protz und Prunk sollte sie auszeichnen und Schweiß und Blut soll sie Kurden, Aramäer, Syrer und Türken gekostet haben.

Mit Michael Müllers Reiseführer und Jürgen Lodemanns „Mit der Bagdadbahn durch unbekannte Türkei„ im Gepäck starten wir hoffnungsfroh am 13.04. und pünktlich um 12.30 treffe ich Irmgard, die aus Witzenhausen kommt, am Franfurter Hauptbahnhof. Zusammen fahren wir mit der S-Bahn zum Flughafen Frankfurt /Main.

Alles klappt problemlos, aber wir stehen mit sechs anderen Flugzeugen Schlange für den Abflug. Mit wenig Verspätung starten wir mit Sunxpress, sind bald über dichter Wolkendecke, die erst über Bulgarien aufreißt und üppiges Grün freigibt.

Und dann Istanbul!!

Unter den Flügeln das Glitzern des Marmarameeres, dort die Prinzeninseln – ob wir hinkommen? Kein Dunst, keine Braunsoße wie befürchtet, sondern klarer Himmel, der Bosporus unter uns überraschend breit , das goldene Horn und viele, viele gewaltige Moscheen, ein Gewirr von Minaretten ragt wie Spargelspitzen aus dem Häusermeer.

Der bestellte Dolmush wartet 45 min. auf Gäste mit Visa-Problemen, dann geht die Fahrt im Sonnenuntergang 1 Std. (55 km) vom orientalischen Flughafen „Sabiah“ auf die europäischen Seite. Es ist schon dunkel, als wir über die 8spurige Galatabrücke fahren – knapp überm Wasser.

Eindrucksvoll das Lichtermeer, die Schiffe unter uns, und dann -gewaltig – die Hagia Sophia, wunderbar illuminiert mit ihren vier Minaretten. Es staut auf der Brücke und wir haben Muße, diesen Koloss der Christenheit zu betrachten.

In verwinkelten Gassen finden wir unser Minihotel „Hotel Nezih“, ein Zimmerchen im 5. Stock mit Blick auf eine Lederschneiderei.

Im nahen Restaurant gehen wir essen, hoch oben im 6. Stock, schmucklos, blanke Tische, nur Männer. Wir sind die einzigen Fremden, fast die einzigen Frauen, aber keiner nimmt von uns Notiz.

Zurück im Hotel hat Irmgard Probleme, sich im Internet einzuloggen, schafft es aber noch vor Mitternacht. Jubel.

Der erste Tag in Istanbul steht im Zeichen des Orient-Expresses. Wir wohnen auf der euroäischen Seite am Großen Basar an der gewaltigen Beyazit-Moschee.

Mein Besichtigungsdrang ist groß, aber wir wollen ja erst die Bahnfahrt klären. Keiner weiß Rat im Hotel und man empfiehlt uns den Bahnhof Haydarpasa, der auf der asiatischen Seite im pulsierenden Stadtteil Kadiköy liegt. Zur Straßenbahn, Tolkens kaufen (1,5 TL- 0,75 Euro ), die Fahrt zum Bosporus, die Fähre nach Kadaköy erwischen wir gerade noch, dann landen wir am legendären Bahnhof Haydarpasa.

Wir stehen, bestaunen die deutsche Pracht der Jahrhundertwende aber ein Zug nach Damaskus geht hier nicht ab,bestenfalls nach Ankara. Doch da gibt’s Probleme – Baustellen. Wir sollten aber am Bahnhof Sirkesi fragen. Von dort kommen wir gerade. Wir also zurück mit der Fähre nach Europa, laufen über die Galata-brücke vorbei an der gewaltigen Neuen Moschee zum sehenswerten Bahnhof Sirkesi. Hier gibt es zwar den Orientexpress, aber nur nach Paris, nicht nach Damaskus.

 

Bahnhof Sirkesi

Unter Wilhelm II wurde der Bahnhof gebaut

Bahnhof Sirkesi

 

 

Man empfiehlt uns immer wieder den Bus und stößt auf Unverständnis ob unserer Zugpläne: Umständlich, langsam, teuer, unzuverlässig und überhapt …da starten doch verschiedene Linien von Istanbul nach Damaskus am Bahnhof Harem.

 

 

Wieder zurück nach Asien mit der Fähre zum Busbahnhof HAREM. Hier überbieten sich die Ausschreier der verschiedenen Anbieter und wir lassen uns einfangen von der Linie Sen-Express.

Nach einigen Verhandlungen und Telefonaten mit der deutsch-sprechenden Frau unseres Verhandlungspartners beschließen wir:

Am Fr. 16.04. fahren wir um 15 Uhr von Harem ab nach Damaskus. 16 Std. für 60 TL (30 Euro) p.P.

O.K. Inchalah!!

Zurück nach Europa. Irmgard will zur Siesta ins Hotel und ich besuche die Beyazit-Moschee. 1506 für Beyazit II im Stil der Hagia Sophia fertiggestellt.

Der marmor-gepflasterte Vorhof nimmt gefangen: Draußen Lärm, hier Ruhe. Ein elegant überkuppelter Reinigungsbrunnen in der Mitte. Die Säulen-Arkaden aus edelstem Gestein.

Drinnen setzte ich mich barfuß und tuchverhüllt auf eine „Frauenbank“ und lasse mich von der Atmosphäre einfangen. Langsam füllt sich der Vorderraum mit Männern. Hier nach Süden, nicht wie in Deutschland nach Osten, verbeugen und knien sie, folgen aufmerksam einem Immam und nach 10 Minuten zähle ich 3 Reihen a 25 Männer, 75-80, meist mit weißen Strickkäppchen. Wo sind die Frauen? ?

Irmgard und ich  treffen uns dann für den Gang durch denGroßen Basar.

Wir kapitulieren aber noch vor Ablauf einer Stunde vor dem Überangebot, der Zudringlichkeit der Verkäufer und gehen essen. Hühnerspieß.
Um 20oo Uhr sind wir zurück im Hotel. Durchgefroren.
Eine heiße Dusche bringt mich wieder auf Temperatur.

Nach dem Frühstück am nächsten Tag schlendern wir gemütlich die breite Ordu-Cad. Hinunter gen Bosporus , besuchen Friedhöfe, die eng eingekeilt zwischen hohen alten Häusern liegen,

biegen in Gässchen ein und genießen Sonne, Wärme und Atmosphäre.
Die Luft ist wasserpfeifen-geschwängert.
Dann wieder Blütenduft von blühenden Bäumen, frisches Brot, Bratenspieß. Wir geraten in die Gasse der Schrauben- und Nietenhändler, sehr viel Gold und Silber, glänzende Marmorfassaden neben abbruchreifem Gemäuer mit zahllosen, außen hängenden Klimaanlagen.
Schließlich nähern wir uns der Blauen Moschee. Auf einer Bank vor dem Kaiser-Wilhelm Brunnen machen wir Rast und Irmgard liest mir aus ihrem Global-Player vor: Der mosaikgeschmückte und von 8 Säulen getragene Brunnen war ein deutsches Geschenk für Sultan Abdül Hamit II. Die meisten Teile wurden in Deutschland vorgefertigt und erst in Instanbul montiert.

 

 

 

 

 

 

 

Als wir dann über den Hippodrom laufen, bringt mir ein junger Mann meine Kamera hinterher. Sie war mir wohl auf der Bank aus der Tasche gerutscht. Danke ihr Engel.

Und dann die Blaue Moschee!!

Ich erinnere mich, wie die 2-jährige Alexandra hier auf dem Boden friedlich schlief. Sie schlief immer und überall zu ihrer Zeit.

Später erholen wir uns in einem nahen Cafe und ich lese nach, was ich sah.

Da muss ich noch einmal zurück: Ich hatte den Mittelpunkt der Welt übersehen.

Und die Kanzel des Sultans. Und auf der gewaltigen Empore war ich auch noch nicht.- Der Weg zur nahen Hagia Sophia ist üppig tulpengesäumt. Da sie ein Museum ist, muss man nicht die Füße entblößen und den Kopf bedecken, dafür 10 Euro löhnen. Schluss mit heilig, gepriesen sei der Mammon.

 

Abends besuchen wir eine Suffidarbietung. Durchaus ergreifend, aber fremdartig.

Es war ein herrlicher Tag , beschaulich, informativ, lukullisch.

 

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