Beiträge zum Thema: Impressionen

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Orlanda
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Dieses Thema soll die Möglichkeit geben, kleine Erlebnisse und Geschichten einzustellen - Horror, Langweiliges, Lustiges, Trauriges, Bemerkenswertes oder auch Dinge, die eigentlich nicht erwähnt werden wüßten, weil sie so langweilig sind. Oder auch Dinge, die man besser geheim und unausgesprochen halten sollte, weil sie so grauenhaft unaussprechlich sind...

In welche Kategorie eine Geschichte gehört, wird der gnädigen Meinung der Leserschar überlassen... Da die Einordnung in die Kategorie erst möglich ist, wenn der Text gelesen ist, darf sich der enttäuschte Leser/die enttäuschte Leserin auch ordentlich beschweren. Er/Sie wird deshalb nicht in eine Schublade gesteckt (Miesepeter/Miesepetra etc.). Jammern und Lamentieren ist erlaubt. Konstruktive Kritik genauso wie kräftiges Schimpfen...

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Orlanda
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Für die Bäume:

http://www.youtube.com/watch?v=WsbYGdCQsgk

Zarte und schöne Zweige meiner geliebten Platane
durch euch glänzt das Schicksal.
Donner und Blitz sollen nie euren Frieden verletzen,
noch möge es dem wilden Südwind gelingen,
euch zu entweihen.
Nie war der Schatten eines geliebten Baumes lieblicher.

Schattiges Dach! Ruh ich hier still entzückt,
was mir das Herz bedrückt, versinkt gemach.
Selige Ruh lindern mich nun erfüllt,
jeglichen Wunsch gestillt hast bald mir du.


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Orlanda
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Welch ein Tag!
Mit dem Rad zum Einkaufen, noch ohne Regen. Dann frech in die Stadt - aber Regenzeug dabei.
Ich fahre die Strecke ab, die ich gestern Abend bei strömendem Regen ging. Es war eine interessante Führung zu den großen Bäumen LA's, wenn auch mit bitterem Beigeschmack: In LA gibt es kaum mehr wirkich alte Bäume (>100) in der Stadt. Man bemüht sich Grünflächen zu bewahren und pflanzt auch neue Bäume für die gefällten alten. Aber wie lange werden wir warten müssen, wie oft müssen wir wiedergeboren werden (wenn denn dies möglich wäre!), damit die toten grünen Riesen tatsächlich 'ersetzt' sein werden?

Bei aller Traurigkeit fiel mir aber an diesem gestrigen Gang durch den Regen auf, welche Melodie die Bäume im Regen singen. Durch den Prantlgarten gingen wir und es rauschte vom Hofgarten herunter ein gewaltiges Orchester der alten Bäume, die dort am Hang stehen.
Noch nie fiel mir das so auf und diesmal wußte ich, dass ich es sehr vermißt hatte, die Melodie des Regens in hohen Bäumen. Das ist etwas, was die Stadt nie bieten kann, das gibt uns nur die Natur!

Heute zog es mich wieder in den Prantlgarten. Es begann zu nieseln und ich setzte mich in einen der Bögen am Gebäude, um meine Brotzeit zu essen und zu zeichnen. Der Regen wurde stärker und so legte ich alles weg und saß nur da. Plötzlich spazierte zwischen den Skulpturen (von Fritz Koenig) ein Wiedehopf herum. Ich kenne diesen wunderschönen Vogel aus dem Lied Die Vogelhochzeit ("Der Wiedehopf, der Wiedehopf, er bringt der Braut den Küchentopf..."), habe aber noch nie einen in der Natur gesehen. Er gab sich sehr gelassen, pickte mit seinem langen Schnabel im Gras herum.

Welch eine Harmonie! Der Wiedehopf ließ sich weder vom Regen noch vom lauten Treiben hinter der Hecke beeindrucken.

Morgen gehe ich wieder hin, ich möchte mich näher mit den Skulpturen befassen. Während es regnete stellte ich fest, dass sich ihr Ausdruck durch die Nässe verändert, die Steine verfärben sich, Strukturen werden erkennbar. An einer Skulptur traten plötzlich dicke Wülste hervor, die wie Adern wirkten, und es schien als sei der Steinleib lebendig.

Ein schöner Tag und auch der Tag morgen wird so sein, dass es ein erfülltes Wochenende gewesen sein wird.

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Orlanda
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Der Hochsitz entpuppt sich als wahres Lustschloss. Eigentlich ist es ja kein Hochsitz, sondern eine geschlossene Kanzel.
Alles ist tiptop - abgesehen davon, dass hungrige Mäuse am Polstersessel genagt haben und die Schaumstofffüllung vielleicht auch so manchem Vogelnest ein wenig Luxus verliehen hat.

Die Tür ist von innen mit zwei Holzriegeln zu verschließen und auch die Fenster sind an drei Seiten mit Plexiglasscheiben verschlossen - mit Holzriegeln lassen sich diese lautlos entfernen.

Ja, nicht zu vergessen ist der Teppichboden, der zwar nicht schön ist, aber von unten her dämmt. Wenn man einen Hund dabei hat, ist der sicher dankbar für den abgedichteten Liegeplatz.
Meinen Dackel hatte ich immer am Schoß sitzen, denn so konnte ich mich an der vierpfotigen Wärmeflasche aufwärmen.

Ich sitze bequem und während es draußen wettert und schneit trinke ich süßen Rumtee und esse Salamibrote. So läßt es sich leben!
Ich denke mit Dankbarkeit an den aufmerksamen Jäger, der ja nicht nur sich angenehme Ansitze beschert, sondern auch einer Seele wie mir einen angenehmen Rastplatz. In Anbetracht meiner besonderen Jagdfreundlichkeit übersehe ich, dass ich eigentlich nicht hier sitzen dürfte! Aber mei, die Jager sitzen jetzt brav daheim in ihrer warmen Stube und dienen ihrer Diana. Wenn's am Spätnachmittag Ausgang haben, bin ich längst über alle Hügel davon... Überleg mir noch kurz, ob ich eine Nachricht bzw. meinen Dank hinterlassen soll und lass es aber lieber. Warum die Pferde scheu machen?

Satt und froh klettere ich wieder auf den Boden, mache noch ein Foto von dem "Jagdschloss" auf Stelzen und wandere weiter. Am Feldrain steht ein alter Wildapfelbaum und daneben ein Rosenstock! Das versöhnt mich wieder. Im Frühling möchte ich den Baum blühen sehen und auch die Wildrose!

Nun führt mich der Weg an einem kleinen Obstgarten vorbei und an dem Bächlein, das zum Dorf fließt, stehen Büsche und Bäume.

Es beginnt wieder zu schneien und ich hoffe nun, dass ich den Zug Richtung Landshut noch erreiche....

Orlanda
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Die Landshuter Höhenwanderung

Im Zug nach Landshut Süd ist ein jüngeres Paar, das lautstark erzählt, dass es grad bei der Polizei war, um eine Anzeige zu machen. Der Busfahrer hätte, so erzählen sie, sie nicht mitgenommen, sondern ihnen den "Stinkefinger" gezeigt, die Tür vor der Nase zugemacht und sei einfach losgefahren. Beide, der Mann und die Frau, sind offensichtlich gehandikapte Menschen, beide besitzen einen Behindertenausweis.

Ich hoffe, der Busfahrer bekommt eine Lektion!

Endlich startet der Zug, wir rollen über die Flutmulde und schon bald darauf über die Isar.

Mein Weg führt mich vom Bahnhof unter der Eisenbahnbrücke hinweg in ein stilles Tal. An einem Sägewerk teilt sich der Weg. Zwei große Tafeln schildern die Schönheit und die Besonderheiten des Landshuter Höhenwanderweges. Also geradeaus weiter. Der Weg führt durch eine Agrarwüste - die Bauern ackern so weit an den Weg, dass man an manchen Stellen nicht weiß, ob man noch am Weg ist oder schon im Feld!
Sind eigentlich die niederbayrischen Bauern reicher als die oberbayrischen, weil ihre Äcker auch noch jene paar Meter links und rechts des Weges einschließen, die z.B. in Oberbayern Bäumen und Büschen zur Verfügung stehen?

Der Weg zwischen Tiefenbach und Ausgangspunkt wird im Internet als besonders schönes Wegstück hervorgehoben. In der Tat gibt es in der Agrarwüste kleine Inseln, ein Baum, an dem ein Hochsitz lehnt, ein Fleck, der offenbar unbewirtschaftet ist. Aber alle Raine, die ja kein Mensch als Acker verwenden kann, sind busch- und baumlos.

Wieder einmal überkommt mich das Entsetzen und ich frage mich, wann dieser Naturfrevel geschehen ist. Mit der Flurbereinigung wahrscheinlich! Die Schädlingsbekämpfung übernimmt die chemische Industrie, die die Bauernschaft vermutlich fest im Griff hat.

Wie mag es hier im Sommer sein? Kann man hier gehen oder muss man sich darauf einstellen, einen Hitzschlag oder Sonnenstich zu bekommen? Die schwarze Wolkenwand bekommt einen Riss, durch den die Sonne ein paar Strahlen wirft und plötzlich sieht die Landschaft aus wie am Jüngsten Tag. Es gibt kein Leben mehr, keinen Busch, keinen Baum, keinen Vogel. Wie mag es sich angehört haben, als die letzten Bäume gefällt wurden, als die Wurzelstöcke der Büsche der Erde entrissen wurden? Hat niemand das STöhnen und Schreien gehört?
Mir ist, als läge es immer noch in der Luft.

Es beginnt so wild zu schneien, dass die ganze Landschaft plötzlich unsichtbar wird. Schemenhaft erkenne ich am Abhang zum Isartal einen Waldrand und einen Hochsitz. Ich habe Hunger, Durst und bin müde.

./.
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Ozapft is!

Langsam aber sicher kommt das Rad wieder in Schwung: Da kommen's wieder daher, die Madl und die Buam mit ihren schönsten Dirndl'n und Bigs'n (Lederhos'n).
Und alles is' drunt und drüber: Eine würdige ältere Dame schreitet einher mit einem kostbar wirkenden Trachtenkleid, bei dem man eine wahre Hemmung hat, es "Dirndl" zu nennen. Sie hat bronzefarbenen Lippenstift aufgetragen, der gut mit der Schürze harmoniert, aber irgendwie hat's ihr's Goscherl verpappt, weil's die Lippen immer so aufeinander druckt und herumschleckt.

Da steigt ein junges Paar in den Zug, lustig und verliebt sind's die beiden: Auch trachtig angezogen, sie mit kurzem, wippenden Rock und er mit wuchtige Haferlschuh, so als wollt er heut noch auf'n Berg.

Ein gstandn's Mannsbild mit einem ebenso gstandnen Weiberleut steigt zu, jeder von denen braucht einen doppelten Sitzplatz, aber vielleicht liegt's auch ein bisserl an der Tracht - die ist ja gar so ausladend...

Die Männer auf der anderen Seite, brave Bürohengste, die mit mir eingestiegen sind, bekommen quellende Augen, weil halt der Balkon von der Frau gar so lockend zu ihnen herüberlacht.
Wenn das der Mann von ihr nur nicht in den falschen Hals bekommt!
Mei, des gäb eine Mordsrauferei!
"Rauferei in der SBahn!", tät es dann heißen! "Wies'nbesucher und Business-Men hab'n sich in die Haar' gekriegt und sich gar die letzten ausgerissen, wegen einer vollbusigen Wiesenbesucherin!".....tststs...

Gleich sind wir an der Hackerbrücke, schon geh'n die Tür'n auf und hinaus quillt die Menschenmasse, hin zum Festzelt...

Mei, wird des a Gaudi!

Oans-zwoa-gsuffa!

Orlanda
(jetzt hat mein Fencheltee 10 Minuten lang gezogen... prost!)
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Ein lautes Getöse reißt mich heute Nacht um ein Uhr aus irgendwelchen Träumen und erst später werde ich gewahr, dass es ein Sturm ist, der im Haus die Fenster schlagen läßt. Ich eile auf den Balkon und da hat sich der Sonnenschirm geöffnet und es sieht aus, als würde er gleich aufsteigen und davonfliegen.

Die Bäume biegen sich, es rauscht und über den Himmel im Osten flackert es hell. Im weißen Licht sehe ich den Hang auf dem die Burg steht, sie ist im Aufleuchten kurz zu sehen. Ein wirklich gespenstischer Anblick.

Ich lehne in der Balkontüre und versinke in der Betrachtung der Naturgewalten. Dabei fällt mir ein altes Gedicht ein, das in den ersten Grundschuljahren in meinem Lesebuch stand und das mich damals furchtbar beeindruckt hat.

Die Zeit, in der das Gedicht spielt, war damals, Mitte der 50iger-Jahre ja noch nicht so lange her. Noch standen in den Dörfern die alten Hütten der Tagelöhner. Meine Urgroßmutter lebte auch in einem solchen armseligen Haus. Es war für mich aber voll Zauber und Magie. Die Geschehnisse, die in dem Gedicht "Das Gewitter" geschildert sind, habe ich mir immer in diesem Haus meiner Urgroßmutter vorgestellt. Die Frau war damals schon sehr alt, war immer in Schwarz gekleidet, trug ein schwarzes Kopftuch und ging am Stock...

Das Gewitter

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind;
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt,
Großmutter spinnet, Urahne gebückt
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl -
Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: "Morgen ists Feiertag,
Wie will ich spielen im grünen Hag,
Wie will ich springen durch Tal und Höhn,
Wie will ich pflücken viel Blumen schön;
Dem Anger, dem bin ich hold!" -
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: "Morgen ists Feiertag,
Da halten wir alle fröhlich Gelag,
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid;
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid,
Dann scheint die Sonne wie Gold!" -
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: "Morgen ists Feiertag,
Großmutter hat keinen Feiertag,
Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid,
Das Leben ist Sorg und viel Arbeit;
Wohl dem, der tat, was er sollt!" -
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: "Morgen ists Feiertag,
Am liebsten morgen ich sterben mag:
Ich kann nicht singen und scherzen mehr,
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer,
Was tu ich noch auf der Welt?" -
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hörens nicht, sie sehens nicht,
Es flammet die Stube wie lauter Licht:
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Strahl miteinander getroffen sind,
Vier Leben endet ein Schlag -
Und morgen ists Feiertag.

Gustav Schwab (1792-1850)


Kurze Zeit später prasselt der Regen nieder und scheucht mich zurück ins Bett. Als das Gewitter richtig loslegt fühle ich mich wie ein Bär in seiner Höhle...

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Es ist eindeutig: Herbstlicher Nebel liegt über der Wiese, hüllt die Weiden am Bach ein.
Aber dafür ist die Luft kühl und klar - das Atmen fällt leicht und gemächlich jogge ich mit den Soundtrack Songs aus Mamma Mia die Allee entlang.
Wie eine Bestätigung meiner Gedanken um den Herbst gleitet ein gelbes Blatt vor mir auf den Boden.

Unter der alten Eisenbahnbrücke liegt am Wegrand ein totes Eichhörnchen. Grausamkeit der Natur bzw. ich finde diesen Begriff für etwas, was nichts als das Gesetz der Natur ist - so wie das gelbe Blatt vorhin: Werden und Vergehen..

Nach einigen Metern merke ich, dass über mir ein Loch in der Nebeldecke und der blaue Himmel zu sehen ist. Sonnenstrahlen treffen nicht nur die Landschaft, sondern auch Herz und Gemüt. Die Landschaft weitet sich, ein abgeerntetes Getreidefeld strahlt in Gold und auch in den Auwäldern in der Ferne heben sich die Nebelschwaden.

Mit einem Mal ist es heiß, schwül; wie gut, dass von den Feldern an manchen Stellen ein kühler Wind heraufweht. Mein Schritt ist schneller geworden, da ist wieder das herrliche Gefühl, als würde ich fliegen. Noch bis zur Kapelle, dort steht eine Bank und an der werde ich ein paar Gymnastikübungen machen. Es ist ja niemand zu sehen, außer einem Hund, der weit hinten auf dem Weg im Feld intensiv herumschnuppert... Wahrscheinlich ein Streuner aus dem Dorf oder einer, den die süßen Düfte einer Hündin auf diesen Weg getrieben haben..

Auf dem Heimweg breche ich mein Joggen ab und wandere am Rand der gemähten Wiese. Noch immer liegt der Geruch von Heu in der Luft, aber auch von allen möglichen Pflanzen, die hier am Hang wachsen. Mamma Mia ist längst zu Ende gelaufen und nun höre ich der wunderbar kraftvollen Stimme Bryn Terfels zu, er singt englische Lieder. Sie fügen sich wunderbar in die Landschaft. Die Weiden am Bach liegen nun im Sonnenschein, das Indische Springkraut und Mädesüß duften...

Wie wunderbar ist diese Welt und wie gut habe ich es, dass ich in ihr leben darf!

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Der Regen hat aufgehört - überall dickes Grün, üppige Fülle. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich fühle den Sommer auf meiner Haut. Das Gefühl von gesunder Bräune, Leichtheit und Leichtigkeit, wenig Hunger, eher auf Früchte und Salat, anstatt kalorienschwere Kost und Süßes

Sommerglück!

Heiße Tage, warme Abende, Grillengezirpe und kühle, vielversprechende Morgenstunden.

Warme Haut, die ins kühle Wasser taucht. Gewitterschwüle Luft, der Duft von Holunder, Wilden Rosen und Lindenbäumen.

Unbeschwertheit, der Geruch von Heu und reifenden Getreidefeldern.
Kindheitserinnerungen. Unter Holzjalousien abgedunkelte, kühle Räume; barfuss auf heißem weichen Asphalt; tanzen im Gewitterregen; der Geruch der staubigen Dorfstraße, auf der die ersten dicken Regentropfen verdampfen, begleitet von dumpfem Donnergrollen.

Wohliges kindliches Erschauern, Geborgenheit in der Almhütte, während draußen der Donner in den Felswänden wiederhallt; Blitze erhellen den Raum, die Kerze am Tisch flackert.
Die Kinder lauschen den Gruselgeschichten der Großmutter von vor langer Zeit, als sie selbst noch Kind war, sie von der Mutter in den dunklen Dachboden geschickt wurde, um die Wäsche aufzuhängen.

Gegenwart, in der sich Vergangenheit und Zukunft begegnen und zu einem ewigwährenden Heute verschmelzen.
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Liebe Kirie, das können wir gerne im nächsten Jahr machen - Salzburg evtl. schon im Herbst, wenn Du einmal im südlichen Teil Deutschlands bist?

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Endlich wieder einmal nach Salzburg!
Seit mehr als 20 Jahren zieht es mich hin. Jetzt, da ich Thomas Bernhard's Aussage über diese Stadt, sie sei eine Todeskrankheit und man könne sich ihr nur durch Selbstmord entziehen bzw. gehe auf diesem Todesboden"indirekt langsam und elendiglich" zugrunde*, überwunden habe, liebe ich Salzburg nach wie vor.

Morgens um halb neun setze ich mich in die Bahn, die über zwei STunden durch's niederbayrische Hügelland schnurt, von Dorf zu Dorf, durch Wälder und Wiesen; vorbei an unendlichen schönen Wanderwegen und Landschaften.

Als ich starte regnet es aus einem eintönig grauem Himmel, doch nach und nach lichtet sich das Gewölk. Kurz bevor mein Zug die Grenze nach Österreich überquert, ist der Himmel blau. Von weitem grüßen schon der Untersberg und die Berchtesgadener Berge.

Der neu renovierte Salzburger Bahnhof empfängt den Reisenden freundlich und hell, alles ist sehr übersichtlich und auf kurzem Weg ist der Busbahnhof erreicht. Ich beschließe aber, wie immer, zu Fuß in die Stadt zu gehen.

Schloss Mirabell, die 'Residenz' der Mätresse eines Fürstbischofs, ist wie erwartet überschwemmt von vielen Touristen. Es ist keine hurtige Masse, sondern eher ein zäher Teig, der sich nur zögernd und schleichend an den Rosenbeeten und Blumenrabatten dahinbewegt. Ich flüchte unter den Pergola-Weg, der sich linker Hand im Schatten dahinzieht und gelange so recht schnell und ungebremst aus dem Schlosspark ins Zentrum.

Salzburg und seine Touristen, das mag viele abschrecken, vorallem im Sommer. Die Touristen gehören aber dazu. Ein Salzburg menschenleer? Das wäre nicht echt, nicht lebendig, man würde vermuten, man befände sich in einem schlechten Traum.

Mein obligater Weg führt mich in ein paar Trachtengeschäfte, die unberührt sind von der touristischen Lust der Verkleidung, nur 'echte' Trachtenkleidung verkaufen. Ich finde aber nicht, was ich suche, dafür zwei schlichte, schöne Trachtenblusen zu einem himmlisch niedrigen Preis.

Noch schnell am Markt beim altbekannten Standl das Paar Frankfurter Würstl mit 'Semmerl' gegessen. Ein Opa steht da und füttert sein Enkerl mit enthäuteten Würstln, während er sich mit der Standl-Frau unterhält. Der Kleine jubelt und jauchzt, als zwei Tauben ihn umzingeln, in der Hoffnung, dass etwas vom frugalen Mahl für sie abfällt.

So gerüstet ersteige ich den Mönchsberg. An der Treppenwand ein Gedicht von Georg Trakl über das schöne Salzburg. Und vor mir liegt sie, die alte Stadt, so, als wüßte sie nichts von all dem Häßlichen und Unschönen, dass es auch hier zu allen Zeiten gegeben hat. Doch heute ist alles unter Zuckerguss verborgen. Die Sonne wärmt und stimmt milde. Vielleicht hätte sich auch T. Bernhard erweichen lassen und seiner Stadt ein wenig Versöhnung zukommen lassen?

Ich verlaufe mich, anstatt weiter bergauf zu gehen, stürme ich den Weg hinunter und sehe dann von unten nach oben, dass mein Weg falsch war. Also wieder rauf... Eine gute Maßnahme in Anbetracht der stundenlangen Zugreise und der damit verbundenen Bewegungslosigkeit.

Eine Schulklasse sitzt am Weg, aufgereiht wie die Spatzen und flirtet mich an. Ich frage sie, ob denn "die Wadl'n ausgelaufen" seien und die jungen Leute verstehen mich und lachen: "Ja, das stimmt!" Denn Witz versteht man nur in Österreich, vermute ich...

Im Cafe des Museums der Moderne bestelle ich bei einem sehr vornehm und sehr österreichisch anmutenden Kellner Earl Grey Tee und ein Linzerkipferl. Nun liegt Salzburg unter mir und mein Blick geht weit darüber hinweg auf grüne Berghänge und Wiesen, Bauernhöfe, weit oben an den Wäldern. Vielleicht sind die Bauern dort die wahren Könige von Salzburg? Sie sind allem enthoben und sehen die Pracht aus ihrer Warte. Ich stelle mir vor, wie wohl eine Vollmondnacht da oben aussehen mag? Unten die Lichter, die im Mondlicht schimmernde Salzach. Der Lärm der Stadt, in verträglicher Entfernung...

Nach einer Stunde bin ich aus dem Museum wieder heraußen. Eine interessante Ausstellung, viele Fotografien, das Thema Röcke tragen (wie hier im Forum, dachte ich mir) erstreckt sich über einige Räume. Themen wie (Künstler-)Selbstportraits und Selbste (Dieter Roth) nehmen gefangen.

Der Himmel hat sich währenddessen verändert - Wolken brauen heran, verdichten sich.
Nun aber schnell wieder runter vom Berg, hinein ins Gedränge der Stadt. Ich will ja noch Lebensmittel bei Billa kaufen - ein paar österreichische Besonderheiten.

Mit voller Tasche geht es nun Richtung Bahnhof und ich überlege ob ich zu Fuß gehen oder mit dem Bus fahren soll. Ich geh zu Fuß, hab ja noch viel Zeit und deshalb gibt es noch einen Abstecher ins Cafe Bazar. Ein lauschiger Platz am Rand ist gerade frei. Gnocchi mit Salbeibutter und gebratenen Parmaschinken-Streifen, kleiner Salat, ein Achterl Grüner Veltliner (es lebe die italienisch-österreichische Monarchie!) und zum Abschluss Espresso. Dann überlasse ich meinen Platz einer alten Dame, die so aussieht, wie ich einst aussehen möchte: Sie ist wohl eine Einheimische, trägt Dirndl und Hut. Wiedereinmal denke ich, dass die österreichische Tracht alle Frauen gut kleidet, ob sie nun 6, 14, 40 oder 80 sind...

Nun gehts mit dem Bus zum Bahnhof. Der Himmel sieht nun schon etwas sehr finster aus und als kurz vor 17 Uhr der Zug einfährt, ist der Untersberg unter einem großen schwarzen Hut fast vollständig verdeckt. Es wird finster und im Zug geht das Licht an. Als sich der Zug in Bewegung setzt, beginnt es zu regnen - nein, es ist eine Art Sintflut, die sich über Salzburg ergießt.

Sind's Tränen? Oder gar eine Reinigung, vom heiligen Thomas persönlich über die Stadt geschickt?
Die Stadt hat zu kämpfen mit dem vernichtenden Urteil ihres Sohnes. Man findet hie und da Sprüche von Thomas Bernhard, auch jenen, in dem es heißt, Salzburg sei eine Krankheit. Scheinbar steht man dazu, setzt sich auseinander. Und ich frage mich, wie lebt man weiter mit der Nichtvergebung eines Verstorbenen? Es gibt keine Rehabilitation mehr. Der Deliquent muss schauen, wie er fertig wird mit allem.

Als der Zug über die große Salzachbrücke fährt werfe ich noch einen Blick auf die Stadt und ihre Burg. Es ist wie mit einem Menschen: Wenn man liebt, liebt man auch das Unschöne, das Dunkle, die Kehrseite. Sie gehören zum Leben: Licht und Dunkel. Insgeheim hat Thomas Bernhard seine Heimatstadt wohl auch geliebt, sonst hätte ihn das, was ihm hier angetan wurde, nicht so geschmerzt.

Orlanda

*) Thomas Bernhard, Die Autobiographie, 'Grünkranz'
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Teil 2

Kutterling - hier ist das alte Bauernhaus, in dem Leibl und Sperl, die beiden Maler-Freunde gelebt haben. Mit ihrer Haushälterin, die auch Leibls Modell war: Die Mal-Resl.

Mich zieht es weiter, denn die dunkle Wolkenfront verheißt nichts Gutes.
Um die Kurve herum liegt vor mir ein großes Hühner-Freigehege. Bäume stehen darin mit tiefen Löchern im Wurzelbereich, in denen die Hennen ihre Sandbäder nehmen.
An einer Stelle steht eine Gruppe Hühne am Zaun und außerhalb des Zauns versucht ein Huhn verzweifelt wieder innerhalb des Zauns zu belangen. Es streckt den Kopf durch das Maschengitter, aber der dicke Körper läßt sich nicht durchschieben.

Was ist zu tun? Ich sehe keinen Menschen, vielleicht sind alle beim Abendessen, beim Fernsehen oder auch im Stall beschäftigt. Da bleibt mir nur, das Huhn zu packen - es schreit erschrocken auf, fügt sich dann aber meinem Griff. Und ich hebe das Huhn über den zwei Meter hohen Zaun. Es fliegt und landet inmitten seiner erstaunten Kolleginnen.
Gut, keiner hat's gesehen, keiner bezichtigte mich des Hühnerdiebstahls, alles ist gut gegangen. Und ich gehe weiter...

Über dem nahen Wald entdecke ich einen Steinadler, der in weiten Kreisen sich immer höher schraubt. Lange beobachte ich ihn. Nach einer kurzen Unaufmerksamkeit ist er im Blau des Himmels verschwunden. Vielleicht hat er aber auch Beute entdeckt und sich vom Himmel gestürzt? Vielleicht ist er aber auch frustriert abgestrichen, zurück in sein Felsenreich beim Wendelstein.
Hab ich ihm die Mahlzeit verdorben? Vermutlich hätte ihm ein verlaufenes Huhn genauso gut geschmeckt wie mir die Saure Ochsenbrust. Doch hätte er sich nicht in die Nähe der Menschen gewagt und die Henne hätte wohl nie das Dorf verlassen...

Bald bin ich wieder am Jenbach und als ich ins Hotel komme, hat sich die Gewitterwolke aufgelöst. Die Sonne hat sich verabschiedet und neben dem Kirchturm steht ein heller Stern.
Heute ABend wird so mancher Jäger Glück haben und so mancher Rehbock in sein Unglück laufen...

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Der Rückenschmerzen entledigt, ziehe ich am letzten Tag meines Aufenthaltes in Bad F. los, um mich auf Maler Leibl's Spuren zu begeben. Wilhelm Leibl war ein bekannter Maler, der in Kutterling und Berbling gewohnt hat und dort, im Alpenvorland, bedeutende Bilder gemalt hat.

Es geht den Jenbach entlang, bis zu jener Stelle, an der der 'Leiblweg' abzweigt und steil bergauf führt durch lichten Bergwald.
Leibl war ein passionierter Jäger und im Dahinsteigen durch den lichten Bergwald tauche ich ein in Leibls Welt. Sein Weg auf diese Höhen, in diesen Wäldern war sicher nicht wie der gepflegte Wanderweg, doch das flirrende Licht, die Stimmen der Vögel, das Rauschen des Waldes wird sich nicht sehr von dem heutigen unterschieden haben.

Es ist der 18. Mai, der Tag an dem in Bayern die Jagd auf den Rehbock eröffnet ist und mir fällt ein, wie passend doch dieser Gedenkgang ausgerechnet heute ist. Wie mancher Jäger heute ist Leibl damals vielleicht auch schon am Nachmittag aufgebrochen, um zur rechten Stunde am Ansitz zu sein...

Während ich so vor mich dahinfantasiere, führt mich mein Weg hoch hinauf und an einer Lichtung sehe ich die weite Landschaft vor mir liegen: Die Moore, dahinter eine große Stadt, wahrscheinlch Rosenheim, weit entfernte Kirchen und Hügel, die im Dunst versinken. Ein Eichhörnchen flüchtet vor mir auf einen Baum, bleibt an einem Ast in Augenhöhe sitzen und schaut mich an. Ein hübsches, plüschiges Tier, dunkelgrauer Rücken, beiger Bauch. Als ich mich bewege um meinen Weg fortzusetzen, rast es den Stamm hinauf und ist in der Baumkrone verschwunden.

Dann bin ich am Malerwinkel. Eine schöne Buche, deren Stamm von Efeu eingewickelt ist, glänzt im Sonnenlicht. Die Sicht vom Malerwinkel ins Tal ist heute anders als wahrscheinlich vor 125 Jahren - heute schaut man von der Bank unter der Buche nur mehr in die Kronen der tiefer stehenden Bäume.

Weiter geht es bergauf und wieder bergab. Dichter Bergwald säumt den Weg, noch ein Eichhörnchen, das entsetzt davonflitzt. Noch eine Steigung, dann gehts durch einen alten Hohlweg hinaus ins Licht. Vor mir liegt Litzldorf.

Im Dorfgasthof finde ich einen lieblichen Biergarten, beschattet von zwei Kastanienbäumen, ein Bächlein rauscht vorbei - ein richtig idyllischer Ort. Es gibt Saures Ochsenfleisch vom Weideochsen und dazu paßt ein alkoholfreies Bier aus der regionalen Brauerei.

Kann ein Mensch noch glücklicher sein, als ich es gerade bin?

Erfüllt von Glück, Ochsenfleisch und Weißbier (ohne Alkohol!) zieht es mich weiter. Als ich den Ortsrand erreiche, sehe ich am Horizont eine dunkle Wolkenfront. Es ist warm und gut möglich, dass ich in ein Gewitter wandere.

Vor mir liegen Wiesen und Weiden mit Jungvieh. Weit verstreut stehen die Tiere und grasen friedlich. Gut gelaunt komme ich auf die Idee, den Sennerinnenruf auszuprobieren. Meistens funktioniert es nicht, doch diesmal erhalte ich Antwort: In dunklem Bass bis zum hellen Tenor muhen die Rinder zurück und beginnen sich in meine Richtung in Bewegung zu setzten. Am Ende steht die ganze Bande bei mir am Zaun und erwartet offenbar etwas von mir.
Ich halte die Szene im Video fest, ein Tier kommt mit seiner Zunge meiner Kamera sehr nahe - im letzten Moment ziehe ich die Kamera zurück.
Nun reicht es, ich verabschiede mich, werde ausgiebig bemuht und verabschiedet und weiter gehts - wieder hügelan.

Maler Leibl ist fast vergessen, doch da steht eine uralte Linde, die "Leibl-Linde" wie auf einem Schild steht. Hier in Kutterling hat Leibl gewohnt.

Teil 2 folgt...

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